Wie der Beruf deiner Eltern deine Persönlichkeit geprägt hat: Das Gegenteil von dem, was du denkst

Deine Eltern und ihr Job haben dich mehr geprägt, als dir lieb ist

Kennst du diesen Moment, wenn du plötzlich merkst, dass du genau den Satz sagst, den deine Mutter früher immer gesagt hat? Oder wenn du feststellst, dass du mit Stress genauso umgehst wie dein Vater damals? Gruselig, oder? Aber es wird noch wilder: Der Job, den deine Eltern hatten, hat dich wahrscheinlich mehr geformt als alles, was sie dir je absichtlich beigebracht haben. Und das Verrückte daran? Meistens auf eine Art, die komplett gegen die Intuition geht.

Wir reden hier nicht davon, ob sie viel Geld verdient haben oder ob du auf eine fancy Privatschule gehen konntest. Das ist nur die langweilige Oberfläche. Die eigentliche Action passiert tiefer, in deinem Unterbewusstsein, wo die Werte, Ängste und Verhaltensweisen deiner Eltern sich wie ein unsichtbarer Virus eingenistet haben. Psychologen und Wirtschaftsforscher haben in den letzten Jahren nämlich herausgefunden, dass der elterliche Beruf auf ziemlich unerwartete Weise in deinem Gehirn herumfummelt.

Selbstständige Eltern, selbstständige Persönlichkeit? Nicht ganz

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2011 hat etwas Faszinierendes gezeigt: Selbstständige Menschen sind messbar offener, extrovertierter und risikofreudiger als Leute, die in einem festen Job arbeiten. Das macht auch Sinn, denn wer sich selbstständig macht, braucht eine gewisse Portion Mut und die Bereitschaft, mit Unsicherheit klarzukommen.

Aber hier kommt der Twist: Diese Persönlichkeitseigenschaften beeinflussen nicht nur, wie diese Menschen arbeiten, sondern auch, wie sie ihre Kinder großziehen. Wenn deine Mutter oder dein Vater selbstständig war, hast du am Esstisch wahrscheinlich Businessanrufe mitbekommen, gesehen, wie sie mit Unsicherheit umgegangen sind, oder miterlebt, wie unterschiedlich jeder Tag aussehen konnte. Das hinterlässt Spuren, tiefe Spuren.

Eine weitere Untersuchung vom Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland, durchgeführt von Wido Geis-Thöne, hat gezeigt, dass Kinder selbstständiger Eltern häufiger schon in jungen Jahren einen Nebenjob haben. Nicht unbedingt, weil die Familie das Geld braucht, sondern weil diese Kinder von klein auf mitbekommen haben, dass Initiative und Eigenständigkeit wichtig sind. Diese frühen Joberfahrungen fördern dann wiederum Zuverlässigkeit und Selbstständigkeit. Ein perfekter Kreislauf.

Du bist im Grunde ein emotionaler Schwamm

Albert Bandura, einer der einflussreichsten Psychologen überhaupt, hat das Konzept des sozialen Lernens entwickelt. Die Kurzversion? Kinder lernen durch Beobachtung, nicht hauptsächlich durch das, was ihre Eltern ihnen sagen. Du hast unbewusst aufgesaugt, wie deine Bezugspersonen mit der Welt umgehen, und diese Muster einfach übernommen.

Wenn dein Vater jeden Morgen um sieben Uhr zur Arbeit gefahren ist, in einem strukturierten Büro mit festen Zeiten und klaren Hierarchien, hast du ein bestimmtes Modell von Arbeit internalisiert. Wenn deine Mutter als Freelancerin von zu Hause aus gearbeitet hat, manchmal bis spät nachts, aber auch spontan mit dir mittags ins Schwimmbad konnte, hast du ein völlig anderes Bild entwickelt. Nicht nur von Arbeit, sondern auch von Flexibilität, Eigenverantwortung und wie man mit Risiken umgeht.

Das Ganze läuft komplett unbewusst ab. Du hast diese Muster aufgenommen wie ein Schwamm Wasser aufsaugt, ohne dass es dir bewusst war. Und heute, wenn du Entscheidungen triffst, spielen genau diese früh internalisierten Bilder eine riesige Rolle.

Der verrückte Abgrenzungseffekt: Wenn Unternehmerkinder gerade nicht Unternehmer werden

Jetzt wird es richtig interessant. Eine Studie, die im Spektrum der Wissenschaft veröffentlicht wurde, hat sich mit Geschwisterreihenfolge und Karriereentscheidungen beschäftigt. Das Ergebnis ist geradezu absurd: Jüngere Geschwister neigen normalerweise eher dazu, den risikoreicheren Weg der Selbstständigkeit zu gehen. Außer – und das ist der Hammer – wenn sie in einer Unternehmerfamilie aufgewachsen sind. Dort passiert oft das komplette Gegenteil.

Psychologen sprechen hier von einem Abgrenzungseffekt. Kinder, die hautnah miterlebt haben, wie ihre Eltern mit den Unwägbarkeiten der Selbstständigkeit zu kämpfen hatten – die schlaflosen Nächte wegen ausbleibender Zahlungen, die ständige Unsicherheit, der Dauerstress – entscheiden sich bewusst oder unbewusst für den sichereren Weg. Sie wollen einen festen Job mit geregeltem Gehalt, gerade weil sie die andere Seite so gut kennen.

Das ist das komplette Gegenteil von dem, was man erwarten würde. Man könnte denken: Kind von Selbstständigen wird auch selbstständig. Aber nein, manchmal ist es genau umgekehrt. Es geht nicht um simple Nachahmung, sondern um eine viel komplexere emotionale Verarbeitung dessen, was diese Kinder in ihrer Kindheit erlebt haben.

Die emotionale Atmosphäre schlägt alles

Hier wird es richtig tiefgründig. Die Bindungstheorie von John Bowlby und Mary Ainsworth liefert uns wichtige Erkenntnisse darüber, wie Kinder sich emotional entwickeln. Eine sichere Bindung zu den Eltern – das Gefühl, dass sie emotional verfügbar und verlässlich sind – ist einer der wichtigsten Faktoren für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung.

Aber hier ist der Clou: Eltern prägen Karriereentscheidungen massiv dadurch, wie viel Zeit und emotionale Energie sie für ihre Kinder haben. Studien zeigen, dass Kinder, die in einem Umfeld aufwachsen, in dem die Eltern emotional präsent sind, besser ihre eigenen Emotionen regulieren können, resilienter sind und gesündere Beziehungen aufbauen.

Das Faszinierende dabei? Die emotionale Verfügbarkeit hängt nicht zwingend davon ab, ob ein Elternteil viel arbeitet oder nicht. Ein selbstständiger Elternteil, der zwar viel arbeitet, aber flexibel ist und emotional da sein kann, wenn es darauf ankommt, kann eine stärkere Bindung aufbauen als ein Angestellter, der zwar pünktlich um sechs zu Hause ist, aber komplett ausgelaugt und gedanklich noch im Büro. Es geht um die Qualität der Interaktion, nicht nur um die Quantität der Zeit. Diese Erkenntnis wirft ziemlich viele Annahmen über Arbeitszeit und Elternschaft über den Haufen.

Dein Stressmanagement? Danke, Mama und Papa

Wie deine Eltern mit beruflichem Stress umgegangen sind, hat dir unbewusst Strategien für dein eigenes Leben mitgegeben. Hast du gesehen, wie sie bei Problemen ruhig geblieben sind, Lösungen gesucht und nicht in Panik verfallen sind? Oder waren die Abende zu Hause geprägt von Beschwerden, Ängsten und Überforderung?

Diese Beobachtungen sind wie kleine Programme, die in deinem Gehirn installiert wurden. Sie beeinflussen heute, wie du selbst mit Druck umgehst, wie risikofreudig du bist und wie du deine eigenen beruflichen Entscheidungen triffst. Das meiste davon läuft komplett unbewusst ab. Du merkst es oft erst, wenn du in einer ähnlichen Situation steckst und plötzlich denkst: Moment mal, das ist genau das, was mein Vater auch immer gemacht hat.

Diese unbewusste Übertragung von Stressbewältigungsmustern ist einer der mächtigsten Effekte, die der elterliche Beruf auf dich haben kann. Und das Verrückte? Die meisten Menschen haben keine Ahnung, dass das überhaupt passiert.

Zeitstrukturen prägen mehr als du denkst

Ein weiterer unterschätzter Faktor ist die Zeitstruktur, die der elterliche Beruf mit sich gebracht hat. Angestellte haben in der Regel feste Arbeitszeiten, Urlaubstage, freie Wochenenden. Selbstständige? Die kennen oft keine klaren Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Das Handy klingelt auch am Sonntagmorgen, und die wichtige E-Mail wird um elf Uhr abends beantwortet.

Kinder, die mit einer festen Routine aufgewachsen sind, entwickeln oft ein starkes Bedürfnis nach Struktur und Vorhersehbarkeit. Das kann sich positiv auswirken – sie sind oft organisiert, zuverlässig und gut darin, Pläne einzuhalten. Aber es kann auch bedeuten, dass sie weniger flexibel sind, wenn das Leben ihnen Überraschungen präsentiert.

Kinder aus Haushalten mit mehr Flexibilität können besser mit Veränderungen umgehen, sind oft spontaner und weniger ängstlich bei Unsicherheiten. Aber sie können auch Schwierigkeiten haben, Strukturen zu schaffen, wenn sie diese wirklich brauchen. Vielleicht prokrastinieren sie mehr oder finden es schwer, sich an feste Zeitpläne zu halten. Keine dieser Varianten ist per se besser oder schlechter. Sie zeigen nur, wie tief die beruflichen Muster unserer Eltern in unsere eigene Art zu leben eingesickert sind, ohne dass wir es jemals bewusst mitbekommen haben.

Werte werden gelebt, nicht gelehrt

Der Beruf deiner Eltern hat auch ihre Werte geprägt – und damit indirekt deine. Jemand, der in einem kreativen Bereich gearbeitet hat, legt vielleicht mehr Wert auf Selbstausdruck und Individualität. Jemand aus einem sozialen Beruf könnte Empathie und Gemeinschaftssinn besonders betonen. Eine Person in einem technischen oder wissenschaftlichen Feld könnte logisches Denken und Präzision hochhalten.

Diese Werte wurden nicht explizit gelehrt. Es gab keine Vorlesung am Küchentisch über die Wichtigkeit von Kreativität oder Präzision. Sie wurden einfach gelebt. Du hast sie aufgesaugt, ohne dass es dir bewusst war. Und heute, wenn du Entscheidungen triffst – welchen Job du annimmst, welche Beziehungen du führst, was dir im Leben wichtig ist – spielen genau diese früh internalisierten Werte eine massive Rolle.

Soziale Netzwerke fangen zu Hause an

Die Studie vom Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland hat noch einen anderen interessanten Punkt hervorgehoben: Kinder von Selbstständigen profitieren oft von den sozialen Netzwerken ihrer Eltern, wenn sie selbst in die Arbeitswelt einsteigen. Das klingt zunächst nach einem rein praktischen Vorteil – und das ist es auch – aber es geht tiefer.

Durch diese Netzwerke lernen Kinder früh, dass Beziehungen wichtig sind, dass man kooperieren muss, dass Erfolg oft auch davon abhängt, wen man kennt. Das formt ihre sozialen Fähigkeiten, ihre Bereitschaft, auf andere zuzugehen, und ihre Einstellung zu Zusammenarbeit versus Konkurrenz. Kinder von Angestellten, besonders in großen Organisationen, lernen vielleicht eher, dass formale Qualifikationen und Hierarchien zählen. Auch das ist nicht besser oder schlechter – es führt nur zu unterschiedlichen Strategien im späteren Leben.

Risikobereitschaft ist nicht angeboren

Kommen wir zu einem der zentralen Punkte: Risikobereitschaft. Die Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat gezeigt, dass Selbstständige risikofreudiger sind – das ist fast schon eine Voraussetzung, um diesen Weg überhaupt zu gehen. Aber was bedeutet das für ihre Kinder?

Forschung deutet darauf hin, dass Risikobereitschaft zu einem gewissen Grad erlernbar ist. Wenn du als Kind gesehen hast, dass deine Eltern Risiken eingegangen sind – einen neuen Auftrag angenommen haben, obwohl der Ausgang unsicher war, in ein neues Geschäftsfeld expandiert haben, sich selbstständig gemacht haben – dann hast du gelernt, dass Risiken zum Leben dazugehören und nicht zwingend katastrophal enden.

Aber nur, wenn diese Risiken halbwegs gut ausgegangen sind oder zumindest nicht in völligen Desastern geendet haben. Kinder, die miterlebt haben, wie die selbstständigen Eltern gescheitert sind, finanziell abgestürzt sind oder unter enormem Druck zusammengebrochen sind, können das komplette Gegenteil entwickeln: eine extreme Risikoaversion. Das erklärt auch, warum manche Kinder von Unternehmern bewusst den sicheren Weg wählen. Sie haben die Schattenseiten gesehen und wollen das für sich vermeiden.

Was machst du jetzt mit dieser Info?

Das alles klingt vielleicht erstmal ein bisschen beunruhigend. Bin ich etwa nur ein Produkt der beruflichen Entscheidungen meiner Eltern? Bin ich gar nicht so individuell, wie ich dachte? Die gute Nachricht ist: Selbstreflexion ist der erste Schritt zur Veränderung.

Schau dir an, welche Muster du in deinem eigenen Leben erkennst. Bist du besonders strukturiert oder eher chaotisch? Gehst du Risiken ein oder spielst du lieber auf Nummer sicher? Wie gehst du mit Stress um? Und dann frag dich: Woher könnte das kommen? Nicht, um deinen Eltern die Schuld zu geben – das wäre zu einfach und auch nicht fair. Sondern um zu verstehen, dass viele deiner Verhaltensweisen, die du für deine Persönlichkeit hältst, eigentlich erlernte Muster sind. Und das Coole an erlernten Mustern? Du kannst sie auch wieder verlernen oder anpassen.

Vielleicht stellst du fest, dass deine extreme Abneigung gegen Unsicherheit daher kommt, dass du gesehen hast, wie deine Eltern unter ihrer selbstständigen Arbeit gelitten haben. Mit diesem Wissen kannst du bewusst daran arbeiten, ein gesünderes Verhältnis zu Unsicherheit zu entwickeln. Oder vielleicht erkennst du, dass deine Schwierigkeit, Strukturen zu schaffen, aus einem chaotischen Haushalt mit selbstständigen Eltern stammt. Auch hier kannst du mit Bewusstsein gegensteuern.

Der unsichtbare Faden zwischen Generationen

Am Ende ist es faszinierend zu erkennen, wie tief die beruflichen Entscheidungen unserer Eltern in uns wirken. Es ist nicht nur das Geld, das sie verdient haben, oder die Bildungschancen, die sie uns ermöglicht haben. Es sind die tausend kleinen Momente am Frühstückstisch, die Gespräche, die wir mitbekommen haben, die Stimmung, wenn sie nach Hause kamen, die Art, wie sie über ihre Arbeit gesprochen haben.

All das hat uns geformt – oft auf Wegen, die wir nie bewusst wahrgenommen haben. Die Forschung zeigt uns, dass diese Prägungen real und messbar sind, auch wenn sie subtil wirken. Das ist gleichzeitig ernüchternd und befreiend. Ernüchternd, weil es zeigt, wie wenig von unserer Persönlichkeit wirklich selbstgemacht ist. Befreiend, weil es uns erlaubt, Muster zu erkennen und bewusst zu entscheiden, welche wir behalten wollen und welche nicht.

Der Beruf deiner Eltern war vielleicht nie ein großes Gesprächsthema zwischen euch. Aber er hat trotzdem laut und deutlich gesprochen – in der Art, wie sie ihr Leben gelebt haben. Und ob du es wolltest oder nicht, du hast die ganze Zeit zugehört und gelernt. Die Frage ist nur: Was machst du jetzt mit diesem Wissen?

Welche heimliche berufliche Prägung deiner Eltern erkennst du bei dir?
Angst vor Risiko
Kontrollbedürfnis
Dauerstress-Modus
Hang zur Selbstständigkeit
Strukturfixierung

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