Mayonnaise gehört zu den beliebtesten Saucen in deutschen Kühlschränken. Ob zu Pommes, im Kartoffelsalat oder als Basis für Dips – die cremige Sauce ist aus unserem Alltag kaum wegzudenken. Doch während die Industrie zunehmend mit Begriffen wie „leicht“, „mit wertvollen Ölen“ oder „cremig-luftig“ wirbt, verschleiert sie geschickt die Tatsache, dass Mayonnaise zu den kalorienreichsten Lebensmitteln im Supermarkt zählt. Ein genauer Blick auf die Verpackungsgestaltung und Werbeaussagen offenbart ein ganzes Arsenal an psychologischen Tricks, die uns glauben lassen sollen, wir träfen eine vernünftige Wahl.
Die Illusion der gesunden Zutatenliste
Besonders raffiniert arbeitet die Lebensmittelindustrie mit der Hervorhebung einzelner Zutaten. „Mit Rapsöl“ oder „Reich an Omega-3-Fettsäuren“ prangt in großen Lettern auf vielen Gläsern und Tuben. Diese Aussagen sind nicht falsch – aber sie erzählen nur die halbe Wahrheit. Zwar enthalten einige Produkte tatsächlich hochwertige Pflanzenöle, doch die schiere Menge an Fett bleibt unerwähnt. Mit durchschnittlich 70 bis 80 Prozent Fettanteil liefert reguläre Mayonnaise zwischen 660 und 710 Kilokalorien pro 100 Gramm. Die Kalorienangaben können je nach Herstellungsweise und Rezeptur deutlich variieren, doch der Grundtenor bleibt: Mayonnaise ist extrem energiedicht.
Die Betonung „pflanzlicher“ Inhaltsstoffe suggeriert zusätzlich Natürlichkeit und Gesundheit. Konsumenten assoziieren pflanzliche Öle automatisch mit positiven Eigenschaften, während die Tatsache ignoriert wird, dass Fett – unabhängig von seiner Herkunft – der kalorienreichste Makronährstoff ist. Ein cleverer Schachzug, der unser Unterbewusstsein anspricht, ohne konkrete Gesundheitsversprechen abgeben zu müssen, die rechtlich problematisch wären.
Portion-Tricksereien auf der Verpackung
Ein weiterer beliebter Marketingkniff betrifft die Portionsangaben auf der Nährwerttabelle. Während bei den meisten Lebensmitteln die Nährwerte pro 100 Gramm angegeben werden, findet sich bei Mayonnaise häufig eine zusätzliche Spalte für eine „Portion“ von lediglich 10 oder 15 Gramm – etwa ein gehäufter Teelöffel. Diese Mengenangabe ist unrealistisch klein. Wer Mayonnaise verwendet, nimmt in der Regel deutlich mehr: Für einen Kartoffelsalat werden schnell mehrere Esslöffel benötigt, auf einem Sandwich landen mindestens 20 bis 30 Gramm.
Durch die Angabe einer Miniaturportion wirken die Kalorienzahlen harmlos. Je nach Produkt können die Angaben pro Portion erheblich variieren, doch der Effekt bleibt derselbe: Die tatsächlich verzehrte Menge übersteigt die angegebene Portion meist um das Drei- bis Vierfache. Diese Darstellung ist legal, erfüllt aber ihren Zweck: Sie verharmlost den tatsächlichen Kaloriengehalt und verleitet zu großzügigerer Verwendung.
Die „Light“-Falle und ihre Spielarten
Produkte mit der Aufschrift „leicht“, „light“ oder „fettreduziert“ erfreuen sich großer Beliebtheit bei gesundheitsbewussten Käufern. Tatsächlich können Light-Varianten durchaus eine deutliche Kalorienreduktion bieten: Während reguläre Mayonnaise zwischen 660 und 710 Kilokalorien pro 100 Gramm enthält, kommen Light-Versionen auf etwa 180 bis 370 Kilokalorien. Der Fettgehalt sinkt dabei auf rund 36 Gramm pro 100 Gramm – eine Reduktion von über 50 Prozent gegenüber der Originalversion.
Dennoch bleibt auch die Light-Variante ein kalorienreiches Produkt. Zudem wird der reduzierte Fettgehalt oft durch andere Inhaltsstoffe kompensiert. Mehr Zucker, Verdickungsmittel oder Stärke sorgen für die gewohnte Konsistenz und den Geschmack. Das psychologische Phänomen der „Kompensation“ tut sein Übriges: Wer glaubt, ein kalorienärmeres Produkt zu verwenden, nimmt unbewusst mehr davon. Der reale Vorteil wird dadurch schnell zunichtegemacht.
Verpackungsdesign als unterschätzte Manipulationsstrategie
Die visuelle Gestaltung von Mayonnaise-Verpackungen folgt ausgeklügelten Mustern. Frische Zitronen, grüne Kräuter, goldgelbes Rapsfeld-Panorama – solche Abbildungen wecken Assoziationen mit Natürlichkeit, Frische und Gesundheit. Die Farbwahl spielt dabei eine entscheidende Rolle: Grün- und Gelbtöne signalisieren „leicht“ und „natürlich“, während Weiß Reinheit suggeriert.

Begriffe wie „cremig-luftig“ oder „locker aufgeschlagen“ erwecken den Eindruck, das Produkt sei weniger gehaltvoll, als es tatsächlich ist. Diese Formulierungen haben keine ernährungsphysiologische Bedeutung, beeinflussen aber unsere Wahrnehmung. Eine „luftige“ Sauce klingt leichter als eine „reichhaltige“ – auch wenn beide identische Nährwerte aufweisen können.
Die Kleingedruckte: Was die Zutatenliste wirklich verrät
Während die Vorderseite der Verpackung mit positiven Botschaften lockt, offenbart die Zutatenliste auf der Rückseite die wahre Komposition. Öl steht bei klassischer Mayonnaise immer an erster Stelle – ein klarer Hinweis darauf, dass es den Hauptbestandteil bildet. Eigelb, Essig und Senf folgen, dazu häufig eine lange Liste von Stabilisatoren, Emulgatoren und Konservierungsstoffen.
Besonders aufschlussreich ist die Reihenfolge der Zutaten: Sie erfolgt nach Gewichtsanteil, absteigend vom höchsten zum niedrigsten. Wenn Öl an erster Stelle steht und die beworbenen „wertvollen Zutaten“ wie Kräuter oder besondere Öle erst weit hinten auftauchen, ist ihr tatsächlicher Anteil minimal. Der Hinweis „mit Olivenöl“ kann bedeuten, dass gerade einmal zwei Prozent des Gesamtfetts aus Oliven stammen – der Rest ist günstiges Raps- oder Sonnenblumenöl.
Gesundheitsbezogene Aussagen ohne echten Mehrwert
Formulierungen wie „Quelle von Vitamin E“ oder „enthält ungesättigte Fettsäuren“ sind formal korrekt, verschleiern aber die Problematik. Ja, pflanzliche Öle enthalten Vitamin E und teilweise wertvolle Fettsäuren. Doch diese positiven Aspekte werden durch die schiere Kaloriendichte und die typischerweise verzehrten Mengen relativiert. Niemand isst Mayonnaise wegen des Vitamin-E-Gehalts – es gibt weitaus effizientere und kalorienärmere Quellen für diese Nährstoffe.
Die EU-Verordnung zu gesundheitsbezogenen Angaben erlaubt solche Aussagen nur unter bestimmten Voraussetzungen. Doch die Hersteller bewegen sich geschickt im Rahmen des Erlaubten und nutzen jeden Spielraum, um ihr Produkt in ein positiveres Licht zu rücken. Das eigentliche Problem – der hohe Kaloriengehalt – bleibt dabei elegant im Hintergrund.
Praktische Orientierungshilfen beim Einkauf
Um nicht auf die beschriebenen Marketingstrategien hereinzufallen, lohnt sich ein systematischer Blick auf die Produktinformationen:
- Die Nährwerttabelle sollte immer pro 100 Gramm gelesen werden, nicht pro der oft unrealistisch kleinen „Portion“
- Bei der Zutatenliste gilt: Je kürzer, desto besser – lange Listen mit unaussprechbaren Zusatzstoffen deuten auf hochverarbeitete Produkte hin
- Wer zu Light-Varianten greift, sollte nicht nur den Fettgehalt, sondern auch Zucker- und Salzanteil überprüfen
- Die Position der beworbenen Zutaten in der Liste verrät ihren tatsächlichen Anteil
Ein Vergleich verschiedener Produkte wird durch die einheitliche Angabe pro 100 Gramm überhaupt erst möglich. Steht das hervorgehobene Olivenöl oder Leinöl an fünfter oder sechster Stelle, handelt es sich um Marketing, nicht um einen nennenswerten Beitrag zur Produktzusammensetzung.
Realistische Einordnung statt Verteufelung
Mayonnaise ist weder Gift noch Gesundheitsprodukt – sie ist eine kalorienreiche Sauce, die in Maßen genossen werden sollte. Das Problem entsteht, wenn Verbraucher durch geschicktes Marketing glauben, sie würden eine vernünftige oder sogar gesunde Wahl treffen, während sie tatsächlich eines der kalorienreichsten Produkte im Supermarkt kaufen. Mit 660 bis 710 Kilokalorien pro 100 Gramm liegt reguläre Mayonnaise deutlich über Alternativen wie griechischem Joghurt, Avocado-Püree oder Hummus.
Ein bewusster Umgang beginnt mit der Kenntnis der Fakten. Alternativen wie Joghurt-basierte Dressings, Senf oder Kräuterquark bieten ähnliche Cremigkeit bei deutlich reduziertem Kaloriengehalt. Auch selbstgemachte Varianten ermöglichen die Kontrolle über Qualität und Menge der Zutaten. Die Verantwortung liegt nicht allein bei den Herstellern – doch Transparenz statt Verschleierung würde Verbrauchern die Orientierung erheblich erleichtern. Bis dahin bleibt nur der kritische Blick auf Verpackung, Nährwerttabelle und Zutatenliste als wirksamster Schutz vor den Fallstricken des Lebensmittelmarketings.
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