Warum arbeiten manche Menschen bis zur völligen Erschöpfung, laut Psychologie?

Wenn der Job zum Blackout führt: Was in den Köpfen von Menschen vorgeht, die sich zu Tode arbeiten

Du kennst sie garantiert. Diese Kollegin, die selbst mit 39 Grad Fieber ins Büro kommt. Den Kumpel, der stolz verkündet, seit drei Wochen keine volle Nacht geschlafen zu haben. Oder vielleicht bist du es selbst – der Mensch, der um 23 Uhr noch E-Mails checkt und dessen letzter freier Tag gefühlt in der Steinzeit war. Was oberflächlich nach Einsatz und Motivation aussieht, hat oft einen ziemlich düsteren Hintergrund. Spoiler-Alarm: Es geht meistens nicht wirklich um die Arbeit.

Mehr als nur ein voller Terminkalender

Klar, wir alle haben stressige Phasen. Deadlines, die aus dem Nichts auftauchen. Projekte, die plötzlich brennen. Das ist normal und geht vorbei. Aber was wir hier besprechen, ist etwas komplett anderes: Menschen, die systematisch ihre Grenzen ignorieren, bis ihr Körper und ihre Psyche kapitulieren. Die Schön Klinik hat sich intensiv mit diesem Phänomen beschäftigt und beschreibt ein Muster, das erschreckend häufig vorkommt. Es geht um Leute, die sich für unersetzlich halten, die nie Nein sagen können und die an sich selbst Standards anlegen, die nicht mal Roboter erfüllen könnten.

Das Perfide daran: Unsere Gesellschaft feiert dieses Verhalten. Hustle Culture nennt sich das neudeutsch. Keine Zeit zu haben gilt als Statussymbol. Wer am Wochenende arbeitet, ist engagiert. Wer Überstunden macht, ist ein Teamplayer. Dass hinter dieser Fassade oft Menschen stehen, die innerlich zerbrechen, wird dabei gerne übersehen.

Die emotionale Achterbahnfahrt hinter der Workaholic-Fassade

Hier wird es richtig interessant – und auch ein bisschen unbequem. Die meisten Menschen, die sich bis zur völligen Erschöpfung verausgaben, haben ein Problem, das wenig mit der eigentlichen Arbeit zu tun hat. Die Arbeit ist nur das Werkzeug. Das Vehikel. Der Schauplatz für einen inneren Kampf, der viel tiefer geht.

Das Selbstwertgefühl auf wackeligen Beinen ist dabei ein zentraler Faktor. Für viele Menschen, die bis zum Umfallen arbeiten, hängt ihr gesamter Wert als Mensch daran, wie produktiv sie sind. Jeden Tag müssen sie aufs Neue beweisen, dass sie es wert sind, auf diesem Planeten Platz einzunehmen. Klingt anstrengend? Ist es auch. Ihr Selbstwertgefühl steht auf so dünnem Eis, dass sie permanent leisten müssen, um nicht einzubrechen. Jedes abgeschlossene Projekt, jedes Lob vom Chef, jede Überstunde ist wie eine kleine Beruhigungspille: „Siehst du? Du bist doch wertvoll.“ Aber die Wirkung hält nie lange an.

Die Habichtswald Privat-Klinik beschreibt in ihren Materialien zur Erschöpfungsdepression ein weiteres Muster, das echt clever ist – auf eine ziemlich zerstörerische Art. Arbeit kann die perfekte Ausrede sein, um sich nicht mit unangenehmen Gefühlen auseinandersetzen zu müssen. Beziehungsprobleme? Keine Zeit drüber nachzudenken, ich hab ja noch 47 E-Mails zu beantworten. Existenzielle Sinnkrise? Sorry, bin beschäftigt. Unbewältigte Traumata? Da komme ich später drauf zurück, erstmal diese Präsentation fertigmachen. Die Arbeit wird zur Schutzwand gegen das eigene Chaos.

Der Soziologe Johannes Siegrist hat etwas richtig Gemeines entdeckt. Er nennt es das Effort-Reward-Imbalance-Modell, aber im Grunde geht es um Folgendes: Du gibst alles. Wirklich alles. Zeit, Energie, Nerven, Gesundheit. Und was kriegst du zurück? Nicht genug. Keine Anerkennung, kein faires Gehalt, keine Wertschätzung. Normale Menschen würden jetzt sagen: „Screw this, ich ziehe die Notbremse.“ Aber viele Betroffene machen das Gegenteil – sie geben noch mehr. In der verzweifelten Hoffnung, dass es irgendwann reichen wird. Spoiler: Es wird nie reichen.

Die roten Flaggen, die du nicht ignorieren solltest

Überarbeitung kommt nicht über Nacht wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Sie schleicht sich an, Stück für Stück, bis du eines Morgens aufwachst und merkst, dass du nicht mehr kannst. Die Plattform Allywell hat Überarbeitung als kritische Vorstufe zum vollständigen Burnout identifiziert und nennt konkrete Warnsignale, die dein Körper und deine Psyche aussenden:

  • Chronische Müdigkeit, die durch Wochenenden nicht verschwindet: Du könntest 15 Stunden schlafen und würdest trotzdem wie ein Zombie aufwachen. Dein Akku lädt einfach nicht mehr.
  • Du bist ein wandelndes Pulverfass: Kleinigkeiten bringen dich auf 180. Der Kollege, der zu laut atmet. Die Ampel, die auf Rot schaltet. Alles nervt, alles ist zu viel.
  • Dein Gehirn fühlt sich an wie Pudding: Konzentration? War mal. Einfache Aufgaben werden zur Herausforderung. Du liest denselben Satz dreimal und verstehst ihn trotzdem nicht.
  • Dein Körper rebelliert: Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Magenkrämpfe, Herzrasen. Der Arzt findet nichts, aber du weißt: Irgendwas stimmt nicht.
  • Dein Sozialleben existiert nur noch theoretisch: Freunde? Hobbys? Beziehung? Sorry, keine Zeit, keine Energie, nächstes Jahr vielleicht.

Das Burnout-Dreigestirn: Wenn nichts mehr geht

Die Psychologin Christina Maslach hat das wahrscheinlich präziseste Modell entwickelt, um zu beschreiben, was passiert, wenn Menschen komplett ausbrennen. Sie hat drei Dimensionen identifiziert, die zusammen das perfekte Rezept für den totalen Zusammenbruch bilden.

Emotionale Erschöpfung bedeutet, dass du einfach leer bist. Komplett. Keine Reserven mehr. Selbst die kleinste Anforderung fühlt sich an, als müsstest du einen Berg besteigen. Mit gebrochenem Bein. Im Schneesturm.

Depersonalisierung ist ein fancy Wort für: Du wirst zum Zyniker. Menschen werden zu Objekten. Aufgaben zu bedeutungslosen Pflichten. Du distanzierst dich emotional von allem, weil es der einzige Weg ist, nicht komplett durchzudrehen. Der Nachteil: Du wirst zu einer Version deiner selbst, die du eigentlich nicht sein willst.

Reduzierte Leistungsfähigkeit ist die bittere Ironie: All die Überarbeitung führt genau zu dem, was du am meisten fürchtest – schlechte Leistung. Du machst Fehler, vergisst Dinge, funktionierst nicht mehr. Eine Studie von Forschern namens Zeng und Hu aus dem Jahr 2024 hat untersucht, wie der sogenannte Person-Job-Fit mit Burnout zusammenhängt. Das Ergebnis: Wenn die Anforderungen systematisch deine Ressourcen übersteigen, ist Burnout praktisch programmiert.

Perfektionismus: Der freundliche Feind in deinem Kopf

Ein Faktor taucht in praktisch jeder Burnout-Geschichte auf: Perfektionismus. Nicht der gesunde Ehrgeiz, gute Arbeit zu leisten, sondern die pathologische Variante, bei der nichts jemals gut genug ist. Die Habichtswald Privat-Klinik nennt Perfektionismus als einen der Hauptrisikofaktoren für Erschöpfungsdepression.

Perfektionisten setzen sich Ziele, die objektiv unerreichbar sind. Sie können sich Fehler nicht verzeihen. Sie bewerten ihren gesamten Wert als Mensch anhand ihrer Leistung. Und das Schlimmste: Sie können keine Grenzen setzen, weil jede Grenze sich anfühlt wie ein Eingeständnis von Schwäche. Und Schwäche ist in ihrer inneren Logik das Schlimmste überhaupt.

Die Unfähigkeit, dieses eine kleine Wort zu sagen

Zwei Buchstaben. Ein Wort. Nein. Für manche Menschen ist das unmöglich auszusprechen. Die Schön Klinik beschreibt dieses Phänomen als einen der zentralen Faktoren für Selbstausbeutung. Jede Anfrage wird akzeptiert. Jede zusätzliche Aufgabe übernommen. Jede Deadline eingehalten – koste es, was es wolle.

Warum ist das so? Oft liegen tiefsitzende Überzeugungen dahinter: „Wenn ich Nein sage, werde ich nicht mehr gemocht.“ „Ich muss beweisen, dass ich wertvoll bin.“ „Andere brauchen mich – ich kann sie nicht enttäuschen.“ Diese Gedankenmuster entstehen oft in der Kindheit und verfestigen sich über Jahrzehnte.

Das Problem: Wer keine Grenzen setzt, lädt andere ein, diese Grenzenlosigkeit auszunutzen. Nicht unbedingt böswillig, sondern einfach, weil es möglich ist. Und irgendwann wird diese unmenschliche Verfügbarkeit zur Erwartung.

Was dein Körper dazu sagt – und es ist nicht nett

Chronischer Stress durch Überarbeitung ist keine abstrakte Theorie. Er hat sehr konkrete, messbare Auswirkungen. Die Stresshormone Cortisol und Adrenalin, die eigentlich für kurzfristige Notfälle gedacht sind, werden zum Dauerzustand. Das hat Folgen, die wirklich niemand will.

Dein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. Dein Immunsystem wird schwächer. Chronische Schmerzen werden zum Alltag. Dein Schlaf ist im Eimer. Deine Verdauung rebelliert. Der menschliche Körper ist nicht für permanenten Alarmzustand konstruiert. Hinzu kommen psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und vollständige Burnout-Syndrome. Was als „ich arbeite halt viel“ begann, endet in ernsthaften psychischen Krisen, die professionelle Hilfe erfordern.

Partnerschaften zerbrechen. Freundschaften verkümmern. Familienmitglieder werden zu Fremden. Viele Menschen wachen erst auf, wenn die wichtigsten Beziehungen ihres Lebens bereits Geschichte sind. Die große Ironie: Die Überarbeitung führt oft nicht zum erhofften Erfolg, sondern zu Fehlern, reduzierter Leistung und im schlimmsten Fall zur kompletten Arbeitsunfähigkeit.

Es liegt nicht nur an dir – versprochen

So wichtig es ist, die persönlichen Faktoren zu verstehen – wir müssen auch über die Umwelt reden. Allywell betont, dass Überlastung oft durch eine Kombination aus individueller Veranlagung und problematischen Arbeitsbedingungen entsteht. Toxische Arbeitsumgebungen, unrealistische Erwartungen, Micromanagement, chronische Unterbesetzung und fehlende Unterstützung spielen eine enorme Rolle.

Es ist nicht fair, die gesamte Verantwortung auf deine Schultern zu laden, wenn das System selbst krank ist. Manchmal ist nicht die Person das Problem, sondern der Job.

Wie du aus diesem Teufelskreis rauskommst

Wenn du dich in diesen Beschreibungen wiedererkennst, ist das vielleicht der erste Schritt zur Veränderung. Bewusstsein ist die Grundlage für jeden Wandel. Beginne klein und lerne, Grenzen zu setzen. Bitte um Bedenkzeit, bevor du auf Anfragen antwortest. Erkenne, dass ein Nein zu anderen oft ein Ja zu dir selbst ist. Das fühlt sich anfangs falsch an – das ist normal.

Definiere Prioritäten neu. Nicht alles ist gleich wichtig. Frag dich ehrlich: Was ist wirklich dringend und wichtig? Vieles, was sich dringend anfühlt, ist bei näherer Betrachtung weder das eine noch das andere. Die härteste, aber wichtigste Arbeit besteht darin, deinen Wert von deiner Leistung zu entkoppeln. Dein Wert als Mensch ist nicht von deiner Produktivität abhängig. Du bist wertvoll, weil du existierst – Punkt.

Wenn die Muster tief sitzen, ist Psychotherapie oft unerlässlich. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Weisheit und Selbstfürsorge. Bewerte dein Arbeitsumfeld kritisch: Wenn eine Stelle strukturell unmöglich zu bewältigen ist, ohne die Gesundheit zu ruinieren, ist ein Wechsel vielleicht die einzige sinnvolle Option.

Die unbequeme Wahrheit über Produktivität

Unsere Gesellschaft hat uns beigebracht, dass mehr Anstrengung automatisch zu besseren Ergebnissen führt. Aber die Forschung zeigt etwas anderes: Nach einem bestimmten Punkt sinkt die Produktivität mit jeder zusätzlichen Arbeitsstunde. Übermüdete, gestresste, emotional erschöpfte Menschen leisten objektiv schlechtere Arbeit – egal wie viele Stunden sie investieren.

Die paradoxe Wahrheit: Wer weniger arbeitet, aber dafür mit mehr Fokus, Energie und emotionaler Balance, erreicht oft mehr als jemand, der sich bis zur Erschöpfung verausgabt. Pausen sind keine Zeitverschwendung – sie sind ein essentieller Teil der Produktivität.

Warum das uns alle betrifft

Selbst wenn du nicht persönlich bis zur Erschöpfung arbeitest, bist du wahrscheinlich von diesem Phänomen betroffen. Vielleicht ist es dein Partner, der kaum noch Zeit für die Beziehung hat. Vielleicht ist es ein Kollege, der langsam zusammenbricht. Vielleicht ist es ein Freund, der immer häufiger absagt, weil „so viel los ist“.

Eine Kultur der Überarbeitung schadet uns allen. Sie setzt Standards, die unmenschlich sind, und schafft eine Atmosphäre, in der gesunde Grenzen als Schwäche gelten. Indem wir dieses Verhalten bei anderen und bei uns selbst hinterfragen, können wir beginnen, diese toxischen Normen zu verändern. Die Frage ist nicht, ob wir hart arbeiten sollten, sondern zu welchem Preis. Und die ehrliche Antwort darauf könnte dein Leben retten.

Wie zerstörerisch ist dein Verhältnis zur Arbeit wirklich?
Gesund distanziert
Leicht toxisch
Funktioniere auf Autopilot
Existiere nur durch Leistung
Totale Selbstausbeutung

Schreibe einen Kommentar