Ihr Frühstücksspeck enthält dreimal mehr Kalorien als angegeben – das steckt wirklich hinter den Portionsangaben im Supermarkt

Beim morgendlichen Frühstück landet bei vielen Deutschen gerne eine knusprige Scheibe Speck auf dem Teller. Doch ein Blick auf die Nährwerttabelle der Verpackung offenbart ein systematisches Problem, das weit über dieses beliebte Produkt hinausgeht: Die angegebenen Portionsgrößen haben mit der Realität oft wenig gemeinsein. Während die Packung suggeriert, dass 15 Gramm eine übliche Portion darstellen, greift kaum jemand tatsächlich nur zu einer hauchdünnen Scheibe.

Das Spiel mit den Zahlen bei der Nährwertkennzeichnung

Die Nährwertkennzeichnung auf Lebensmittelverpackungen soll eigentlich Transparenz schaffen und uns dabei helfen, informierte Entscheidungen beim Einkauf zu treffen. Doch bei genauerer Betrachtung wird schnell klar: Die Portionsangaben bei Speck bewegen sich häufig in einem Bereich zwischen unrealistisch und schlichtweg irreführend. Ein bundesweiter Marktcheck der Verbraucherzentralen aus dem Jahr 2018 dokumentierte anhand von 211 Lebensmitteln, dass Portionsgrößen systematisch unter dem tatsächlichen Verzehr liegen. Während die Hersteller mit Portionsgrößen von 10 bis 20 Gramm rechnen, zeigen Untersuchungen zum tatsächlichen Verzehrverhalten ein völlig anderes Bild.

Bei Knabberartikeln wie Chips beispielsweise konsumieren Verbraucher durchschnittlich 63 Gramm, während Hersteller 30 Gramm als Portion angeben – also mehr als das Doppelte. Diese Diskrepanz zieht sich durch zahlreiche Produktkategorien. Bei der Verwendung von Speck in Rezepten oder als Zutat in Aufläufen und Pasta-Gerichten liegen die tatsächlichen Mengen oft noch deutlich höher. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt konkrete Richtwerte für den Fleischkonsum, doch diese sind kaum mit den Portionsangaben auf den Verpackungen in Einklang zu bringen.

Warum sind die Portionsgrößen so unrealistisch?

Die Frage drängt sich auf: Warum setzen Hersteller bewusst auf derart realitätsferne Portionsangaben? Die Antwort liegt in der psychologischen Wirkung von Zahlen. Kleinere Portionsgrößen lassen die Nährwertangaben pro Portion deutlich attraktiver erscheinen. Ein Produkt, das pro Portion nur 100 Kilokalorien ausweist, wirkt wesentlich gesünder als eines mit 350 Kilokalorien – selbst wenn letzteres die tatsächlich verzehrte Menge widerspiegelt.

Psychologische Forschung bestätigt diesen Effekt eindrucksvoll. Ein bekanntes Experiment aus dem Jahr 2005 zeigte, dass Menschen 73 Prozent mehr Suppe konsumierten, wenn diese unmerklich nachgefüllt wurde, obwohl sie glaubten, nicht mehr gegessen zu haben. Die bereitgestellte Menge wird unbewusst als angemessen wahrgenommen – unabhängig davon, ob sie tatsächlich dem Bedarf entspricht. Ein systematischer Review mit 40 Studien aus dem Jahr 2021 bestätigte zudem, dass kleinere Verpackungsgrößen zu geringerer Aufnahme führen.

Zudem gibt es derzeit keine gesetzlich einheitlich festgelegten Portionsgrößen für die meisten Lebensmittelkategorien. Hersteller genießen weitgehende Freiheit bei der Definition dessen, was sie als Portion bezeichnen. Diese Regelungslücke wird systematisch genutzt, um Produkte in einem vorteilhafteren Licht darzustellen. Der Marktcheck der Verbraucherzentralen dokumentierte massive Unterschiede: Bei Keksen schwankten die Portionsangaben zwischen 5 und 44 Gramm, bei Müslis zwischen 30 und 100 Gramm.

Gesundheitliche Folgen der irreführenden Angaben

Die irreführenden Portionsangaben haben reale Auswirkungen auf die Gesundheit der Verbraucher. Wer sich an den Nährwertangaben orientiert und dabei die unrealistischen Portionsgrößen übersieht, unterschätzt systematisch die tatsächliche Aufnahme von Fett, Salz und Kalorien. Dies kann besonders für Menschen problematisch werden, die auf eine kontrollierte Ernährung angewiesen sind – etwa bei Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Übergewicht.

Bei verarbeiteten Fleischprodukten wie Speck kommt hinzu, dass die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und die Krebshilfe bereits eine Obergrenze von 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurstwaren pro Woche empfehlen. Wer die tatsächlich verzehrten Mengen nicht korrekt einschätzt, läuft Gefahr, diese Empfehlungen deutlich zu überschreiten. Gerade Speck mit seinem hohen Gehalt an gesättigten Fettsäuren und Salz sollte bewusst konsumiert werden.

Wie Verbraucher sich schützen können

Trotz der irreführenden Kennzeichnungen können Verbraucher Maßnahmen ergreifen, um sich ein realistisches Bild vom Nährwertgehalt zu machen. Der wichtigste Tipp: Immer die Angaben pro 100 Gramm heranziehen, denn diese sind verpflichtend und ermöglichen einen objektiven Vergleich zwischen verschiedenen Produkten. Die tatsächlich verzehrte Menge sollte dabei ehrlich abgeschätzt werden – wie viele Scheiben Speck landen tatsächlich auf dem Teller und welches Gewicht hat diese Menge?

Eine Küchenwaage kann gerade anfangs helfen, die übliche Verzehrmenge tatsächlich abzuwiegen und ein Gefühl für realistische Portionen zu entwickeln. Grundsätzlich sollten die Angaben pro Portion mit einer gesunden Skepsis betrachtet werden, da diese häufig geschönt sind. Wer sich beim Einkauf Zeit nimmt und die Nährwerttabelle kritisch liest, kann sich vor ungewollten Überraschungen schützen.

Ein weitverbreitetes Phänomen im Supermarktregal

Das Problem beschränkt sich keineswegs nur auf Speck. Die Verbraucherzentralen kritisierten in ihrem Marktcheck explizit, dass viele Portionsangaben verwirrend, unverständlich und unsinnig sind. Ähnliche Muster finden sich bei zahlreichen weiteren Produktkategorien: von Müslis mit Portionsangaben von 30 Gramm über Tiefkühlpizzen, die angeblich für zwei Personen reichen, bis hin zu Eiscreme mit unrealistisch kleinen Portionsgrößen. Die Strategie dahinter bleibt stets dieselbe: Die Nährwerte pro Portion sollen möglichst vorteilhaft aussehen.

Besonders bei Produkten, die als natürliche Verzehreinheiten existieren – etwa Schokoladenriegel oder Fruchtgummis – wird die Diskrepanz offensichtlich. Kaum jemand isst nur die Hälfte eines Riegels und legt den Rest weg. Dennoch basieren die Nährwertangaben häufig auf Bruchteilen der tatsächlichen Produktgröße. Diese Praxis macht es Verbrauchern unnötig schwer, den tatsächlichen Nährwertgehalt eines Produkts einzuschätzen.

Was sich ändern muss

Verbraucherschützer fordern seit Jahren eine Reform der Kennzeichnungsvorschriften mit standardisierten, realistischen Portionsgrößen. Eine transparente und verbraucherfreundliche Kennzeichnung würde einheitliche, wissenschaftlich fundierte Portionsgrößen voraussetzen, die sich am tatsächlichen Verzehrverhalten orientieren. Studien zum realen Konsumverhalten könnten als Grundlage dienen, um für jede Produktkategorie realistische Referenzmengen festzulegen.

Zusätzlich wäre eine deutlichere Hervorhebung der Nährwerte pro 100 Gramm sinnvoll, um Verbrauchern den Vergleich zu erleichtern. Auch Ampelkennzeichnungen, die auf einen Blick zeigen, ob ein Produkt hohe oder niedrige Mengen an Fett, Salz und Zucker enthält, können die Orientierung im Supermarkt verbessern. Solche Systeme werden in einigen europäischen Ländern bereits erfolgreich eingesetzt.

Bis solche Reformen umgesetzt werden, bleibt Verbrauchern nur die Möglichkeit, selbst wachsam zu bleiben und die angegebenen Portionsgrößen kritisch zu hinterfragen. Gerade bei Produkten wie Speck, die von Natur aus einen hohen Fett- und Salzgehalt aufweisen, lohnt sich der genauere Blick auf die Nährwerttabelle – und zwar auf die Angaben pro 100 Gramm, nicht auf die geschönten Portionswerte. Nur so lässt sich einschätzen, was tatsächlich auf dem Teller landet und welche Auswirkungen dies auf die eigene Ernährung hat. Wer bewusst hinschaut, kann trotz irreführender Angaben gesündere Entscheidungen treffen und seine Ernährung besser kontrollieren.

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