Moderne Fernseher sind längst nicht mehr nur simple Bildschirme – sie haben sich zu vernetzten Entertainment-Zentralen entwickelt, die uns Streaming, Apps und intelligente Funktionen bieten. Doch hinter der glänzenden Oberfläche verbirgt sich eine weniger bekannte Realität: Dein Smart TV beobachtet dich möglicherweise genauer, als du denkst. Eine Technologie namens ACR (Automatic Content Recognition) läuft bei vielen Geräten im Hintergrund und protokolliert dein Sehverhalten – unabhängig davon, ob du Netflix streamst, einen Blu-ray-Film schaust oder an der PlayStation zockst.
Was genau ist ACR und warum sollte dich das interessieren?
ACR steht für Automatic Content Recognition und funktioniert wie ein digitaler Fingerabdruck-Scanner für bewegte Bilder. Die Technologie analysiert kontinuierlich das auf deinem Bildschirm angezeigte Bild. Dabei werden charakteristische Muster, Farben und Audiofrequenzen erfasst und mit einer riesigen Datenbank abgeglichen. So kann dein Fernseher exakt identifizieren, welche Sendung, welcher Film oder sogar welche Werbung gerade läuft.
Die Erfassungsfrequenz variiert dabei deutlich zwischen den Herstellern. LG-Geräte erfassen besonders häufig – etwa hundertmal pro Sekunde, wobei alle 15 Sekunden ein Fingerprint an die Server übertragen wird. Samsung-Geräte arbeiten mit zwei Screenshots pro Sekunde und senden pro Minute einen Fingerprint an die ACR-Server.
Das Tückische daran: ACR unterscheidet nicht zwischen verschiedenen Signalquellen. Egal ob du über die integrierten Smart-TV-Apps streamst, lineares Fernsehen schaust, eine Blu-ray einlegst oder deine PlayStation anschließt – die Technologie erfasst alles, was über den Bildschirm flimmert. Selbst wenn du bewusst keine Smart-TV-Funktionen nutzt und ausschließlich externe Geräte verwendest, sammelt dein Fernseher fleißig Daten über dein Sehverhalten. Besonders intensiv ist die Datensammlung sogar bei externen HDMI-Geräten wie Spielekonsolen oder Laptops – Samsung-TVs transferieren dabei doppelt so große Datenmengen wie beim normalen TV-Betrieb.
Wer profitiert von deinen Sehdaten?
Die gesammelten Informationen sind bares Geld wert. Werbetreibende zahlen gut dafür zu wissen, wann du welche Inhalte konsumierst, wie lange du bei bestimmten Szenen verweilst oder ob du Werbepausen überspringst. Diese detaillierten Verhaltensprofile ermöglichen es, personalisierte Werbung nicht nur auf deinem Fernseher, sondern auch auf deinem Smartphone, Tablet oder Computer auszuspielen.
Du schaust abends einen Krimi im linearen Fernsehen. Dein Smart TV erfasst diese Information und verkauft sie weiter. Am nächsten Tag erscheinen plötzlich Werbeanzeigen für Krimiserien auf deinem Handy. Diese geräteübergreifende Verfolgung ist kein Science-Fiction-Szenario, sondern Realität bei vielen modernen Fernsehgeräten.
Interessanterweise gibt es allerdings auch Ausnahmen: Netflix und YouTube haben Vereinbarungen mit TV-Herstellern getroffen, die ACR bei diesen Plattformen unterbinden. Bei diesen Drittanbietern ist die ACR-Technologie deaktiviert – vermutlich, weil diese Dienste bereits selbst umfangreich Daten sammeln und sich eine gewisse Exklusivität vorbehalten.
Welche Hersteller setzen ACR ein?
Die meisten großen TV-Hersteller nutzen ACR-Technologie in ihren Smart TVs. Texas verklagt Smart-TV-Hersteller wegen ACR – ein Hinweis darauf, wie brisant das Thema mittlerweile geworden ist. Dazu gehören unter anderem Samsung, LG, Sony, Vizio und viele weitere Marken. Jeder Hersteller hat eigene Bezeichnungen für diese Funktion entwickelt, was es für Verbraucher zusätzlich schwierig macht, sie zu identifizieren.
Samsung nennt die Funktion „Viewing Information Services“ und arbeitet mit Samsung TV Plus zusammen. LG versteckt sie hinter dem Begriff „Live Plus“, während Vizio sie als „Smart Interactivity“ bezeichnet. Sony nutzt unter anderem „Samba Interactive TV“ – ein unabhängiger ACR-Dienstleister, der mit 24 verschiedenen Herstellern kooperiert und auch bei Panasonic- und Philips-Geräten zum Einsatz kommt.
Die Formulierungen in den Datenschutzeinstellungen sind oft bewusst vage gehalten. Häufig werden Nutzer während der Ersteinrichtung gefragt, ob sie die „Nutzererfahrung verbessern“ oder „personalisierte Empfehlungen erhalten“ möchten – hinter solchen harmlos klingenden Formulierungen verbirgt sich in vielen Fällen die ACR-Technologie. Samsung betont zwar, dass ACR nur mit ausdrücklicher Opt-in-Zustimmung aktiviert wird, doch erfolgt diese Zustimmung oft unbewusst durch genau solche vagen Formulierungen bei der Ersteinrichtung.
So findest du ACR in deinen TV-Einstellungen
Der erste Schritt zum Schutz deiner Privatsphäre ist herauszufinden, ob und wo die ACR-Funktion in deinem Gerät aktiv ist. Die Menüführung unterscheidet sich je nach Hersteller und Modell erheblich, aber die Navigation ist durchaus machbar, wenn du weißt, wonach du suchst.

Bei Samsung-Fernsehern
Navigiere zu Einstellungen, dann zu Support und weiter zu Nutzungsbedingungen. Dort findest du die Option „Viewing Information Services“. Alternativ kannst du über das Seitenmenü zu den Datenschutzeinstellungen gelangen und unter Geschäftsbedingungen und Datenschutzrichtlinie nachsehen. Achte auch auf Einstellungen zur interessenbasierten Werbung, die ebenfalls mit Datensammlung zusammenhängen.
Bei LG-Geräten
Gehe zu Alle Einstellungen, dann Allgemein, weiter zu Zusätzliche Einstellungen und schließlich zu Live Plus. LG versteckt diese Optionen tief in Untermenüs, also sei geduldig beim Durchsuchen. Alternativ kannst du auch direkt nach „ACR“ in den Datenschutzeinstellungen suchen.
Bei Sony, Panasonic und Philips mit Samba TV
Die Samba Interactive TV-Funktion lässt sich in den Datenschutzeinstellungen dieser Geräte deaktivieren. Suche nach Begriffen wie „Samba“ oder „Interactive TV“ in den Menüs. Die genaue Position variiert je nach Modell und Softwareversion.
Warum ACR auch externe Geräte erfasst
Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, dass man ACR umgehen kann, indem man die Smart-TV-Funktionen einfach nicht nutzt. Das Problem: ACR analysiert das Bildsignal selbst, völlig unabhängig von dessen Quelle. Ob HDMI 1, HDMI 2 oder ein anderer Eingang – solange ein Bild auf dem Panel erscheint, kann es von der ACR-Software analysiert werden.
Der höchste Datenverkehr zwischen Smart-TVs und ACR-Servern entsteht sogar dann, wenn entweder lineares Fernsehen über den Tuner empfangen wird oder externe Geräte an den HDMI-Anschluss angeschlossen sind. Laptops, Spielekonsolen oder Blu-ray-Player werden also besonders intensiv überwacht. Selbst wenn du deinen Smart TV nie mit dem Internet verbunden hättest, würde ACR theoretisch weiterarbeiten – die Daten würden dann lediglich lokal zwischengespeichert. Sobald eine Internetverbindung besteht, können sie hochgeladen werden.
Praktische Maßnahmen zum Schutz deiner Privatsphäre
Neben dem Deaktivieren der ACR-Funktion in den Einstellungen gibt es weitere Schritte, die du unternehmen kannst. Überlege zunächst, ob dein TV wirklich dauerhaft online sein muss. Nutzt du hauptsächlich externe Streaming-Geräte wie Fire TV Stick oder Apple TV, kann eine Trennung vom WLAN sinnvoll sein.
- Pi-hole oder DNS-Filter einsetzen: Technisch versierte Nutzer können mit einem Pi-hole-Server bekannte Tracking-Domains blockieren, sodass dein TV zwar online ist, aber keine Daten an Werbenetzwerke senden kann.
- Regelmäßig Einstellungen prüfen: Software-Updates können manchmal Datenschutzeinstellungen zurücksetzen. Kontrolliere nach größeren Updates, ob deine Präferenzen noch aktiv sind.
- Beim Kauf informieren: Wenn du einen neuen Fernseher kaufst, recherchiere vorab, welche Hersteller transparenter mit Nutzerdaten umgehen und einfachere Deaktivierungsmöglichkeiten bieten.
Die rechtliche Grauzone und deine Rechte
In Europa schützt dich die DSGVO theoretisch vor ungewollter Datensammlung. Hersteller müssen deine ausdrückliche Zustimmung einholen, bevor sie dein Sehverhalten tracken. Die Praxis sieht jedoch oft anders aus: Viele Nutzer klicken bei der Ersteinrichtung blind durch alle Zustimmungsdialoge, ohne die Tragweite zu verstehen.
Du hast jederzeit das Recht, erteilte Einwilligungen zu widerrufen. Außerdem kannst du bei den meisten Herstellern Auskunft darüber verlangen, welche Daten über dich gespeichert wurden, und deren Löschung fordern. Diese Rechte durchzusetzen erfordert allerdings oft Hartnäckigkeit und Geduld im Umgang mit Kundenservice-Abteilungen.
Die Zukunft der TV-Überwachung
Die ACR-Technologie wird kontinuierlich weiterentwickelt. Zukünftige Generationen könnten noch präziser arbeiten und beispielsweise erkennen, wie viele Personen vor dem Fernseher sitzen oder wie aufmerksam diese sind. Einige Patente deuten darauf hin, dass Hersteller sogar an der Integration von Kameras und Mikrofonen für noch detaillierteres Tracking arbeiten.
Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für Datenschutz. Verbraucherschützer und Datenschutzbehörden nehmen Smart-TV-Hersteller zunehmend ins Visier. Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich das Spannungsfeld zwischen personalisierten Diensten und Privatsphäre entwickeln wird. Bis dahin liegt es an jedem Einzelnen, die vorhandenen Werkzeuge zu nutzen und bewusste Entscheidungen über die eigenen Daten zu treffen.
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